Warum Text ausgedient hat

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Honig im Topf - Tilda läuft
Honig im Topf - Tilda läuft

Im aktuellen Til Schweiger-Film „Honig im Kopf“ sehen wir Enkelin Tilda (Emma Schweiger) im Zug sitzen. Ihr gegenüber döst der an Alzheimer erkrankte Opa Amandus (Dieter Hallervorden). Beide sind auf der Flucht in das schöne Venedig, weil Tilda ihrem Opa nochmal eine letzte Aufgabe geben will, bevor der Alzheimer ihn ganz vergessen lässt. Als der Zug nahe der Grenze hält zückt Tilda ihr Handy. Ihre Eltern wissen noch gar nicht, wo sie ist, und Tilda will ihnen eigentlich auch nur kurz sagen, dass es ihr gut geht und das sie sich keine Sorgen machen müssen.

Doch statt ihre Botschaft ins Handy zu tippen nimmt Sie ein Video auf: „Hey Papa, mir geht es gut“ und drückt auf Senden. Eine Revolution.


In dieser kurzen Szene steckt eine wahre Parabel auf unsere Zeit: Tilda, Generation Z, jung und selbstsicher im Umgang mit Technik auf der einen, Opa Amandus, alt, vergesslich und mit der Welt überfordert auf der anderen Seite. Nicht nur, dass diese Szene wunderbar das tatsächliche Verhalten vieler Jugendlicher aufgreift (viele der jungen schicken lieber Bilder oder Videos statt zu texten), sie zeigt vor allem, wo die Reise hingeht.

Amandus ist Text. Tilda Bewegtbild.

Warum Text ausgedient hat - Die Zukunft heißt Bewegtbild

 

Bewegtbild: Zurück in die Zukunft

Höhlenmenschen
Höhlenmenschen

Als wir Menschen noch in Höhlen lebten und unser Essen immer erst frisch jagen mussten, da funktionierte Informationsvermittlung nur von Angesicht zu Angesicht. Abends am Lagerfeuer erzählte man sich Geschichten, trug das Wissen über Generationen von den Eltern zu den Kindern.

Als die Familien immer größer und die Geschichten immer umfangreicher wurden, brauchte man ein Speichersystem für all diese Informationen. Text war geboren. Zunächst in Form von Höhlenmalerei, Keilschrift, Hieroglyphen. Später in abstrakten Lettern bis hin zu unserem heutigen Alphabet.

Text war der Ersatz für unsere Unfähigkeit, unsere Stimme einzufangen, unseren Gesichtsausdruck aufzuzeichnen, unsere Aussagen zu konservieren und genauso lebendig wie am Lagerfeuer zu wiederholen.

Opa Amandus steht für diese Zeit. Er kennt seine Geschichten noch vom Lagerfeuer. Heute kann er sich nur noch selten erinnern, sein Gedächtnis schwindet. Nur wenige Bilder seiner Jugend sind ihm noch geblieben: seine junge Frau am Strand, der Urlaub in Venedig. Seine Zeit neigt sich dem Ende.

 

Text hat ausgedient

Filmstreifen
Filmstreifen

Denn die Erfindung des Films machte es dann endlich möglich, uns selbst aufzuzeichnen, zu speichern, weiterzugeben und zu wiederholen. Waren Aufzeichnung und Verteilung anfangs noch sehr teuer (und damit Privileg der großen Filmstudios und des Fernsehens) kann dank Internet heute jeder über Video kommunizieren.

Während wir also bereits seit Jahrtausenden Texte in Form von Briefen, Telegrammen, Fax, Emails oder Chats verschicken, ist Bewegtbild erst in den letzten Jahren auf ähnlichem Niveau zugänglich geworden. Bewegtbild ist der neue Text.

Tilda steht für diese Generation. Sie nutzt die neuen Möglichkeiten pragmatisch. Das Internet überbrückt ihre Unfähigkeit, gleichzeitig bei Ihrem Opa und ihren Eltern zu sein. Hinzu kommt ihr Drang nach persönlicher Kommunikation. Warum sollte sich Tilda da bemühen einen Text zu schreiben? Abstrakt auszudrücken, was sie doch im Video viel persönlicher sagen kann? Warum mühsam umschreiben, was sie im Video einfach zu zeigen vermag? Nämlich, dass es ihr gut geht.

 

Bewegtbild ist der neue Text

Die neuen Möglichkeiten sind allgegenwärtig. Mit Youtube, Facebook-Video, Twitter-Video, Instagram-Video, Vine, Snapchat, Twitch, YouNow und Meerkat ändert sich unser Kommunikationsverhalten gerade massiv.

Unsere alltägliche Kommunikation wird zunehmend auf Online-Bewegtbild verlagert. Ob live gestreamt oder aufgezeichnet: Online dupliziert uns Bewegtbild ins Unendliche. Globale Distanzen schrumpfen auf Meter zusammen. Wir müssen unsere Geschichte nicht vor jedem Lagerfeuer wiederholen. Einmal vor der Kamera genügt.

So schrullig und liebenswert Opa Amandus auch ist. Wer den Film kennt weiß, wie die Geschichte ausgeht.

 

Bildnachweise: honigimkopfmicadoX auf Flickr (CC-BY-NC-SA); Tim Reckmann auf Flickr (CC-BY-NC);

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