„Kein Format wird ewig funktionieren“ – Michael Frenzel im Interview

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Michael Frenzel
Michael Frenzel

Vor ein paar Tagen hat Mediakraft Geschäftsführer Spartacus Olsson im Interview mit W&V das neue Geschäftsmodell seines Netzwerks vorgestellt. Mediakraft will künftig stärker auf eigene Youtube-Formate setzen und wird sich dabei die Rechte an den Videos mit den Künstlern teilen. Darüber habe ich mit dem Pressesprecher Michael Frenzel gesprochen.

Mediakrafts neues Geschäftsmodell

Spartacus Olsson hat im Interview mit der W&V ein neues Geschäftsmodell angekündigt. Mediakraft will künftig stärker auf eigene Kanäle (sogenannte Owend & Operated, also O&O) setzen. Wie kann ich mir als Youtuber einen solchen O&O-Kanal vorstellen und wo liegt der Unterschied zum bisherigen Modell?

Beim traditionellen MCN-Modell liegt das Risiko sehr stark bei den Künstlern, ob sich ein Erfolg des Kanals einstellt oder nicht. Es ist daher vor allem vorteilhaft für die kleine Zahl bereits sehr erfolgreicher Youtuber, die vielleicht bereits zehn, zwanzig oder gar dreißigtausend Euro monatlich verdient, sowie diejenigen, die bereits wissen, dass sie durch die Zusammenarbeit mit einem Netzwerk in den nächsten zwei Jahren extrem schnell wachsen werden.

Das MCN Mediakraft setzt verstärkt auf eigene Kanäle
Das MCN Mediakraft setzt verstärkt auf eigene Kanäle

Auf der anderen Seite gibt es viele innovative Ideen, die nur erfolgreich sein können, wenn jemand finanziell in Vorleistung geht und eine gewisse Durststrecke durchsteht. Genau dafür kann das O&O-Modell die bessere Wahl sein.

Wenn das Netzwerk das finanzielle Risiko trägt, weil beispielsweise der Künstler eine feste Gage plus eine Erfolgsbeteiligung erhält, dann muss es eine Chance geben, dass die Investition wieder eingespielt werden kann. Man muss also zu einem Auswertungsmodell kommen, an dem das Netzwerk langfristig partizipieren kann. Darum geht es in der aktuellen Diskussion. Die Filmwirtschaft oder die Musikindustrie zeigen, wie das funktioniert. Die Kreativität der Künstler, der Musiker, Regisseure, Drehbuchautoren oder Schauspieler, muss dadurch überhaupt nicht beschränkt werden.

 

Kann ich mir das als eine Art klassische Fernsehproduktion für Youtube vorstellen? Also das Netzwerk entwickelt ein Format und besetzt es dann mit Autoren, Kameraleuten, Aufnahmeleitern, Cuttern?

Das ist eine mögliche Form, wie wir es ja auch bisher schon mit erfolgreichen Eigenproduktionen  wie DieFilmfabrik oder The Great War machen. Mediakraft hat jedoch ein breiteres Verständnis von owned content und versteht darunter auch gemeinsame Projekte mit den Künstlern. Bei TheSimpleClub, die fünf Millionen Abrufe mit Nachhilfevideos generieren, investiert Mediakraft Know-how sowie Geld und hat dazu gemeinsam mit den Künstlern eine Firma gegründet. Weitere Modelle sind denkbar.

Martin Scorsese hat einmal gesagt, die einzig kollektive Kunstform sei Bewegtbild. Zeitweise hatte es den Anschein, dass YouTube dieses Gesetz außer Kraft gesetzt hat. Wobei es wirklich nur der Anschein war. Viele große Solo-Künstler wurden von Mediakraft durch Cutter oder eine Redaktion unterstützt. Das entlastet erheblich und schützt manchmal vor Fehlern. Sicherlich ein Grund, warum sich einige nach einer Übergangszeit jetzt wieder einem Netzwerk angeschlossen haben.

Fakt ist, wenn Online-Video eine ältere oder anspruchsvollere Zielgruppe erreichen will, steigt auch der Anspruch an die Produktion. Das heißt aber auch: Wenn viele Menschen gemeinsam arbeiten, kostet das Geld, bedarf Koordination und Technologie.

DER ERSTE WELTKRIEG wird eingestellt - Bei THE GREAT WAR geht es weiter
Mediakrafts Format "Der erste Weltkrieg" wurde gerade eingestellt

 

Wie wird entschieden, welche Unterstützung Mediakraft leistet?

Es hängt stark davon ab, was der Künstler machen möchte und welche kreativen Ideen zusammen entwickelt werden.

 

Erhalten alle Youtuber, die neu in euer Netzwerk kommen, nun standardmäßig einen Vertrag nach dem O&O-Modell?

Nein. Das neue Vertrags-Modell tritt parallel neben das bisherige und ergänzt einfach die Möglichkeiten, die ein Künstler in der Zusammenarbeit mit Mediakraft hat. Es bezieht sich auf Kooperationen mit Künstlern, bei denen Mediakraft Leistungen erbringt, die über den regulären Künstlervertrag hinausgehen, beispielsweise in Form von Produktionskosten-Übernahme, Einrichtung von Studioräumen, ein Recherche- oder Autorenteam etc.

 

O&O-Modell: das sollten Youtuber wissen

Was sollte ich als Youtuber noch wissen, bevor ich mich für ein solches O&O-Modell entscheide?

Das neue Modell ist auch, aber nicht nur eine Zusammenarbeit auf Zeit. Vor allem ist es eine Vereinbarung über eines oder mehrere Werke, also beispielsweise Online-Videos, die in einem bestimmten Zeitraum entstehen.

Beim O&O-Modell teilen sich Youtuber und Netzwerk die Rechte am Videomaterial
O&O: Youtuber und Netzwerk teilen sich die Rechte am Video

Die MCN-Branche wird immer wieder mit der Musikindustrie verglichen, was nicht stimmt. Wenn dort ein Künstler einen Vertrag mit einem Label eingeht, werden gemeinsam ein paar Alben produziert, die gemeinsam verwertet werden. Diese Partnerschaft bleibt auch bestehen, wenn der Künstler das Label wechselt. Völlig unvorstellbar, dass das neue Label die Vermarktungsrechte an Produktionen erhält, zu denen es nichts beigetragen hat. Bei MCNs ist genau das Gegenteil der Fall – es sind Zeitverträge, nach denen der Künstler den Content mitnimmt. Das macht hohe Investments seitens des Netzwerkes weniger attraktiv.

Auch für den Künstler kann es von großem Vorteil sein, wenn sein Netzwerk ein großes Interesse daran hat, dass ein Werk langfristig erfolgreich ist. Das beginnt damit, dass es sich für das Netzwerk lohnt, in langfristige Werte zu investieren, Geld in die Hand zu nehmen für eine aufwändige Produktion. Und nicht nur in den zwei Jahren, bis die Rechte an den Künstler zurückfallen, maximale Erlöse aus einem möglichst billig produzierten Video herauszuholen.

 

Welche Arten der Kooperation gibt es abseits von O&O und dem bisherigen Standardvertrag vielleicht noch?

Im Wesentlichen geht es jetzt darum, ein Geschäftsmodell zu finden, das für Netzwerke und Künstler langfristig trägt. Mediakraft ist offen für weitere Kooperationen. Wir werden unseren Künstlern auch weiterhin ein Höchstmaß an Freiheit geben.

Auch das Format "Sendertime" wurde kürzlich eingestellt

 

Wenn ihr als Netzwerk gemeinsam mit einem Youtuber Videos produziert und dafür auch Geld in die Hand nehmt, wer hat dann die Rechte an den erstellten Videos?

Das hängt vom gewählten Vertragsmodell ab, denn Investitionen in irgendeiner Form finden ja in jedem Vertragsmodell statt. Beim klassischen MCN-Modell werden die Rechte in einer begrenzten Zeitspanne  gemeinsam ausgewertet. Nach Vertragsende fallen die an das Netzwerk übertragenen Rechte an den Künstler zurück. Der Künstler kann damit machen, was er will.

Im neuen O&O-Modell hängt es von der konkreten Ausgestaltung des Vertrages ab, also ob es ein Joint-Venture gibt, eine Co-Produktion oder ob es sich um ein von Mediakraft entwickeltes Format handelt. Der wesentliche Unterschied zum MCN-Modell besteht immer darin, dass wie in der Musikindustrie bei einem Labelwechsel des Künstlers die Vereinbarung über die gemeinsam produzierten und vom Netzwerk finanzierten Werke fortbesteht und diese gegebenenfalls weiter vom Netzwerk ausgewertet werden.

Man muss wissen, dass das deutsche Urheberrecht anders als das amerikanische Copyright keinen Verzicht auf Rechte kennt, d.h. Urheberrechte sind nicht übertragbar, nur die Nutzungsrechte an urheberrechtlich geschützten Werken können zur Verwertung an Dritte vom Urheber übertragen werden. Das ist ein häufiges Missverständnis.

 

Am Ende des Tages muss Mediakraft durch das O&O-Geschäft auch Geld verdienen. Da ist ja nicht auszuschließen, dass unrentable Kanäle auch irgendwann wieder eingestellt werden (siehe „Ponk“, das Nachfolgeformat „Sendertime“ oder ganz aktuell „Der erste Weltkrieg“). Was passiert in einem solchen Fall mit den Inhalten (Videos)?

Völlig richtig. Kein Format wird ewig funktionieren und es braucht zur Entwicklung von erfolgreichen Formaten auch Testphasen. Lässt der Erfolg nach, stellt sich wie im TV die Frage, ob es sich lohnt, weitere Folgen einer Serie zu produzieren. Bei Online-Video ist das Schöne, dass die alten Folgen online bleiben können. In diesem Fall gelten auch die Vereinbarungen über die Vermarktung fort.

Statistik des Kanals "Was geht ab" - Stand 20.08.2015; Quelle: socialblade.com
Statistik des Kanals „Was geht ab“ – Stand 20.08.2015; Quelle: socialblade.com

 

Eure bisherigen Netzwerk-Kanäle (siehe „Was geht ab“) sind von den Abos und Views zwar ganz ordentlich, aber doch noch weit entfernt von denen der großen Youtuber. Rechnet sich das überhaupt auf eigene Kanäle zu setzen oder wäre es nicht besser auf die bestehende Reichweite der Youtuber im Netzwerk zu bauen?

Ich glaube dieser Eindruck lässt sich mit Fakten widerlegen. In den vergangenen zehn Monaten ist bei Mediakraft der O&O-Anteil der Abrufe von Content von 8 auf 35% gestiegen. Gleichzeitig sind die Abrufe von 390 auf monatlich 550 Millionen gestiegen. Hier sind übrigens schon alle Abgänge abgebildet, von denen Sie in den Medien gelesen haben. Wir haben also mit unserer Strategie an Reichweite massiv zugelegt.

Parallel bauen wir natürlich – wie bisher – Künstler auf und unterstützen sie. Das war und ist unsere größte Stärke; ist und bleibt Teil unsere DNA: die Fähigkeit, die Kreativität unserer Künstler zu beflügeln und deren Inhalte mit Fans zu verknüpfen.

 

Youtube: Liegt die Zukunft im TV?

Viele Youtuber identifizieren sich sehr stark mit ihrem Content und ihrem Kanal, sehen Youtube als Teil ihres Lebens an und experimentieren gerne. Auch für die Zuschauer ist häufig gerade diese Verknüpfung zwischen Person und Kanal sehr attraktiv. Besteht nicht die Gefahr, dass diese Bindung durch die starke Formatierung und Aufteilung eines Youtubers auf mehrere Kanäle verloren geht?

Online-Video wird auch in Zukunft ein Experimentierfeld bleiben. Mediakraft war hier stets Vorreiter der Branche, und hat der ersten Generation der Videostars geholfen, groß zu werden. Spartacus Olsson sagt dazu: “Wir waren sehr radikal. Wir haben vieles ausprobiert und waren die ersten in Deutschland, die Online-Video im großen Stil gemacht haben und Online-Video-Content professionalisiert haben.” Das Unternehmen hat sich dabei immer als Gestalter der Branche gesehen, und den Künstlern Support zur Verfügung gestellt in Form von Technik, Formatentwicklung, Schnitt, Rechercheteams, redaktionellem Support und Marketing. Künstlerische Freiheit braucht aber auch eine ökonomische Existenzsicherung. Davon hängt die Zukunft von Online-Video ab.

Danke für das Gespräch

 

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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